Kampfprinzipien auf metakognitiver Ebene
oder „how to use the mental Bong-Sao?"

Die Kampfkunst Wing Tsun ist in seinem Geflecht mit der Bewegungshandlung, Philosophie und Psychologie des Menschseins eng verwoben. Nicht die Weltentfremdung, sondern die Klarheit, Sinnstiftung und Alltagsfunktionalität sind die Motivationsstränge in einem realen und metakognitiven System. Die reale Ebene kristallisiert sich in der unmittelbaren Bewegungshandlung. Die metakognitive Ebene beschreibt den geistigen Prozess, welcher auch unabhängig von seiner Realbewegung existieren kann. Diese Ambivalenz kann den „Benutzer" / „user" befähigen, das System „Wing Tsun" als eine Art Vehikel im Umgang mit sich und seiner Umwelt einzusetzen. In konkreter Form heißt das, wir machen uns Gebrauch von Prinzipien. Diese „Mittel" / „Tools" helfen uns mit Störfaktoren besser umgehen zu lernen.

Das Bestreben eines System im positiven Sinne ist es, sich aufrecht und in Balance zu halten.
Der Mensch versucht sein Leben ohne Leid zu führen, so würde es Seine Heiligkeit der Dalai Lama XI ausdrücken, bzw. würde er hinzufügen, dass jeder Mensch nach Glück strebe, wobei wir hier Glück als Gegenkraft / -gewicht von Leid betrachten könnten.

Nun, was hat das jetzt alles mit Wing Tsun und Prinzipien zu tun?
Im Wing Tsun verfolgen wir Kampf- / Kraftprinzipien. Diese Funktionsbeschreibung regelt die Bewegungsausführung im Wing Tsun. Sie dient dem Anwender als „Regelwerk" im Umgang mit sich, seiner Bewegung und der daraus resultierenden Bewegungshandlung.

Diese Axiome des WT-Systems kann man wie folgt wiedergeben:
(als Axoim versteht man die manifestierte Gesetzeszuschreibung von Natur und Mensch, oftmals in der Mathematik und Naturwissenschaft verwendeter Terminus, wie z.B. die Newton'sche Axiome, oder die Axiome in der Mathematik als gemeingültige Vereinbarungen)

Die Gesetzmäßigkeiten im Umgang mit Kräften:

1. Befreie dich von deiner eigenen "Kraft"!
2. Befreie dich von der "Kraft" deines Gegners!
3. Nutze die "Kraft" des Gegners!
4. Füge deine eigene "Kraft" zur "Kraft" des Gegners hinzu!

Die Gesetzmäßigkeit im kämpferischen Umgang mit seiner Umwelt:

1. Wenn der Weg frei ist, stoße zu! Wenn er nicht frei ist, öffne ihn oder bleibe kleben!
2. Bekommst du Kontakt mit deinem Gegner, bleibe kleben!
3. Ist die Kraft des Gegners größer, gib nach! (Im Wing Tsun wird der Gegner bzw. seine Angriffsaktionen nicht als Störfaktor, sondern viel mehr als Impulsgeber gesehen.)
4. Wenn sich der Gegner zurückzieht, folge ihm!

Dieses Regelwerk hilft dem WT-Anwender sich adäquat und optimal zu verteidigen oder sogar auch die Verteidigung auf geistiger Ebene zu vollziehen und den physischen Dualismus zu unterbinden.

Wir greifen hier nur beispielhaft eine von insgesamt vier Bewegungen auf, indem wir die Verformungsbewegung „Bong-Sao" nehmen. „Bong-Sao" bedeutet soviel wie Schwingenarm.

Auf physikalischer Ebene (also in der realen Bewegungshandlung) entsteht Bong-Sao durch einen diagonal einschneidenden Angriff meines Gegners. Hierbei wird mein Arm in der Vorwärtsbewegung = Angriffshandlung durch den gegnerischen Arm geschnitten, so dass mein beabsichtigter Angriff nur mit größter Kraft erfolgen kann. Was ist passiert? Mein Fauststoß wurde deformiert! Meine Reaktion auf die große, gegnerische Krafteinwirkung verformt meinen Arm zu Bong Sao (hier muss man hinzufügen, dass jede verteidigungsrelevante Strategie im Wing Tsun einen Angriff nach vorne darstellt, jeder verhinderte Angriff, der durch meinen Gegner hervorgerufen wird, führt zu einer Verformung / Kraftaufnahme / Kraftspeicherung meiner „Angriffswaffe" / „weapon" / „tool").

Diese Verformung (Bong-Sao + Angriff) rettet quasi meinen Rumpf und damit auch das Zentralesteuerungssystem, den Kopf. Soverhält es sich auch bei einem Schiff, welches von starkem Seegang angegriffen wird. Hier ist es dann ratsam, die Segel einzuziehen um den (Schiffs-)Rumpf zu entlasten.

Durch den Bong-Sao, wird die gegnerische Kraft torpediert, dass heißt der Angreifer und somit auch seine Kraft werden „verwirt", die negative Kraft kann ins Leere verschoben / umgeleitet werden, oder sie kann als Impuls zum Angriff zurückgegeben werden. Diese „Nachgiebigkeit" des Bong-Sao beruht auf den beiden Prinzipien, welche jeweils unter Punkt 3 oben genannt wurden.

Dieses Beispiel kann sich auch auf metakognitiver Sphäre abspielen, dass heißt, Störfaktoren, wie schlechter Umgang mit sich und seiner Umwelt, äußere verbale, psychische Stressoren, können durch die innere Einstellung eines „mentalen Bong-Sao verschoben und auf Null gebracht werden, so dass ein positive Atmosphäre entstehen und aufrecht erhalten werden kann.

Wenn jemand Sie beleidigen sollte, denken Sie an ihren „mental Bong Sao" und lassen die Wut ihres Mitmenschen daran abprallen und gehen Sie ihren sicher geebneten friedlichen Weg weiter.

Für ein inneres und äußeres friedvolles Leben mit der Freude an der Kampfkunst soll dieser Beitrag die Gedanken meiner Leser ansprechen und somit einen Impuls geben. Ich hoffe, dass ich meinen Lesern die Perspektive eines verantwortungsvollen und menschlichen Umgangs mit der Kampfkunst vermitteln konnte und dass der Kampf beziehungsweise die Kampfkunst im Inneren eine konstruktive Lebensader verfolgt, welche wir als Menschen nach Außen tragen sollten, damit sie nicht verkümmert.

Jede Handlung des Menschen ist auf seinen Geisteszustand zurückzuführen. Daher meditieren viele Kampfkünstler, um der materiellen, physikalischen Erscheinung die Bedeutung zu nehmen und sie damit zu reduzieren. Die innere Kraft, „das geistige Band" würde Goethe sagen, ist die Essenz des übermenschlichen Seines!

Bei Fragen stehe ich gerne zur Verfügung. Bitte sprechen Sie mich an oder senden Sie mir eine E-Mail!

Sifu Sueleyman / Heidelberg, den 26. April 2008

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